Umstrittene “Geschenke” an die Lebensversicherer

28. November 2012

Versicherungskunden, deren Vertrag im kommenden Jahr ausläuft, bekommen weniger Geld, als erwartet. Grund ist eine Gesetzesänderung, nach der die Gesellschaften ab 21. Dezember die Kunden in geringerem Umfang an den stillen Reserven beteiligen müssen. Das Verfahren ging recht schnell. Dazu hat der Bundestag in einer Nachtsitzung am 9. November für eine Korrektur am Versicherungsaufsichtsgesetz gestimmt. Für Verbraucherschützer ist die Neuregelung ein “Geschenk” an die Versicherungswirtschaft, für den Branchenverband GDV ist es ein Schritt zu mehr Gerechtigkeit unter den Versicherten.

Liegt die Durchschnittsrendite der Staatsanleihen unter dem Garantiezins, den der Versicherer bei Vertragsbeginn seinem Kunden versprochen hat, hat dieser künftig kein Anrecht auf den Teil der Reserven, die sich durch festverzinsliche Wertpapiere ansammeln. Die bis zum 21. Dezember gültige Regelung war erst 2008 unter anderem auf Druck von Verbraucherschützern eingeführt worden. Seitdem mussten die Lebensversicherer die Kunden, deren Verträge ausliefen oder die vorzeitig kündigten, zur Hälfte an den stillen Reserven beteiligen.

Wie die stillen Reserven entstehen

Wenn die Lebensversicherer das Geld ihrer Kunden anlegen, können stille Reserven – oder Bewertungsreserven – entstehen, zum Beispiel wenn ein Haus mit einem geringeren Wert in den Büchern steht als dem aktuell möglichen Verkaufspreis. Um diesen Teil der Reserven geht es aber nicht, sondern um die festverzinslichen Papiere, wie Staatsanleihen. Die sind in Zeiten niedriger Zinsen mehr wert als ihr Nennwert. So kostet eine 100-Euro-Anleihe der Bundesrepublik von 1994 mit einer 30-jährigen Laufzeit derzeit knapp 150 Euro. Der Grund ist, dass die Anleihe jährlich mit 6,25 Prozent verzinst wird. Da dieser Zins derzeit natürlich extrem lukrativ ist, sind Investoren bereit, mehr als den Nennwert fürdie Anleihe zu zahlen. Wenn der Versicherer ein solches Papier hält, entstehen nun bei ihm Bewertungsreserven.

Doch der Versicherer hat meist gar nicht die Absicht, das Papier zu verkaufen, weil er so attraktive Zinsen momentan nirgends bekommt. Streicht er aber weiter die Zinsen ein und gibt das Papier erst 2024 an den Staat zurück, bekommt er den Nennwert von 100 Euro. Das heißt, die Bewertungsreserven haben sich aufgelöst. Aus diesem Grund hatten die Versicherer schon immer die Beteiligung der Kunden an den stillen Reserven auf Staatsanleihen kritisiert.

Ein Geschenk an die Versicherer ist die Gesetzesänderung deshalb nur bedingt. Sie bekommen kein Geld geschenkt, sie müssen es nur zu einem anderen Zeitpunkt an andere Kunden auszahlen. Erleichterung verschafft die Regelung den Versicherern trotzdem. Sie müssen gut verzinste Staatsanleihen nicht vorzeitig verkaufen und können so die Garantien der übrigen Kunden leichter erfüllen.

Jetzt noch Vertrag prüfen

Kunden, deren Versicherung im kommenden Jahr ausläuft, erhalten also weniger. Der GDV meint, dass damit die verschiedenen Versichertengenerationen gerechter am Anlageerfolg beteiligt würden. Das hilft den betroffenen Kunden natürlich nicht. In Zeitungsberichten und Foren melden Vermittler und Versicherte, dass mit einer Kündigung zum 1. Dezember mehr Geld herauszuholen sei, als wenn sie bis zu einem regulären Versicherungsablauf 2013 abwarten. “Kunden, die jetzt noch kündigen, sind eventuell besser bedient”, sagt Axel Kleinlein, Vorsitzender des Bunds der Versicherten, gegenüber “Capital”.

Ob der Verlust beim Durchhalten aber bis zu zehn Prozent betragen könnte, wie Allianz-Vermittler gegenüber der Zeitung geäußert hatten, bleibt doch zweifelhaft. Die Pressestelle des Münchner Versicherers will diese Zahlen so nicht bestätigen. Unabhängig davon dürfte die Beteiligung an den Bewertungsreserven nur in wenigen Verträgen überhaupt 10 Prozent ausmachen und davon stammt nicht der gesamte Teil aus Anleihen. Außerdem geht Kunden, die jetzt noch schnell kündigen, anstatt bis zum kommenden Jahr durchzuhalten, der Versicherungsschutz und ein Teil des Schlussbonus verloren. Test.de rät, lang laufende Verträge nicht vorzeitig aufzulösen und bei Versicherungen, die demnächst auslaufen, den Anbieter nach dem Rückkaufswert und den Leistungen bei Ablauf zu fragen und danach zu entscheiden.

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Autor: transparo

transparo ist das smarte Vergleichsportal für alle, die schnell durchblicken wollen. Im Blog werfen wir einen Blick auf alles, was sich bei Versicherungen, Banken und Energieanbietern bewegt. Dabei gehen wir immer der Frage nach: Wie wirkt sich die Entwicklung auf Verbraucher aus?

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